„Die größte Arbeit: Vom Finden einer Arbeit“

Sicherlich: wenn ich ein Gehalt am Monatsende sehen möchte, muss ich jeden Tag zur vereinbarten Zeit an meinem Arbeitsplatz sein und die mir bestmögliche Leistung erbringen. Freundlich und gut aufgelegt sein, hilfsbereit und munter, wach und voller Tatendrang und immer bereit, etwas Neues zu lernen. Die schriftlich festgehaltenen wie auch die nicht-kommunizierten „Spielregeln“ einhalten – argumentiert in Sätzen wie „das ist bei uns so üblich, dies & jenes ist historisch so gewachsen“.
Keine Frage, es ist anstrengend und Fehler werden ungern gesehen – auch wenn noch so sehr von einer bestehenden, positiven „Fehlerkultur“ gesprochen wird. Trotzdem: ohne Arbeit zu sein und einen neuen Job zu finden ist 1000 Mal härter.
Sich jeden Tag aufraffen, freie Positionen durchzukämmen und ein möglichst passend-genaues Bewerbungsschreiben verfassen: kreativ, individuell, persönlich.
Das betreffende Unternehmen in den Himmel loben, obwohl man zum jetzigen Zeitpunkt keine Ahnung hat, wie es dort wirklich abläuft, wie das Betriebsklima aussieht.
„Kannst Du Dir das bitte durchlesen? Hast Du kurz Zeit, kannst Du schauen, ob ich einen Fehler, einen Punkt, einen Strich vergessen habe oder einen Abstand zu viel?“ – Freunde, Bekannte müssen „herhalten“ und sich die Unterlagen ansehen. Es darf einfach kein einziger Fehler zu finden sein. Dann abschicken und: warten. Notieren wie lange ich warten muss. Dann: nachtelefonieren und nachfragen, den Personalverantwortlichen „hinterherlaufen“, weil sie selten an ihrem Arbeitslatz anzutreffen sind; sich gerade in irgendwelchen Termine oder extrem wichtigen Meetings befinden. Es zu einem anderen Zeitpunkt wieder versuchen.
Dazwischen kommen Absagen „hereingeflattert“. „Na, Du kannst ja froh sein, dass sie sich überhaupt bei Dir melden – ich höre nie mehr etwas von denen.“ Dies hört man oft von anderen LeidensgenossInnen.
Endlich: eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Die Homepage am besten in- & auswendig lernen – über das Unternehme alles herausfinden. Wäsche waschen. Bügeln. „Oh Gott, das passt ja nicht. Wie schaut das denn aus? Kann ich so in dieses Unternehmen gehen? Nein, ich brauche da was legeres, was ausgeflipptes – schließlich handelt es sich um eine Werbeagentur. Aber nein, doch nicht. Ich bin ja dort nur die „Gute Seele des Hauses“, das „Mädchen für alles“. Nein, ich bin arbeitslos, ich kann mir jetzt kein neues Outfit leisten. Mein Konto ist sowieso längst…“
Alle Fragen aus dem selbstzusammengestellten Fragekatalog nochmals durchgehen. Um Himmels Willen, was antworte ich schon wieder, wenn die mich fragen „Warum sind Sie nicht mehr beim Unternehmen XYZ tätig?“ – oder noch schlimmer –„ Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?“ Wie ich sie nicht mehr hören kann, diese 0,00815 Fragen.
Aber ich muss spontan, lässig und ausgefallen antworten. Niemals darf man merken, dass ich meine Antwort immer verwende, bei jedem Unternehmen.
„Ihre größte Schwäche?“ Ich habe so viele – suchen Sie sich doch eine aus, also bitte hier eine Auswahl….Nein, das kann man nicht sagen, sooo Nicht!
Also gut, jetzt gehe ich schlafen, muss morgen noch früher raus als sonst, muss rechtzeitig dort sein. Ausgeschlafen sein. Fit sein. Munter. Und: hochmotiviert diesen Job zu bekommen und vor allem: extrem gut aufgelegt. Selbstbewusst. Gutaussendend. Makellos. Egal wie es mir in Wirklichkeit geht. Immer lächeln, immer freundlich und höflich sein.
1. Durchgang geschafft. 2. Runde – nochmal dasselbe „Spielchen“: wieder von vorne – andere Gespräche mit weiteren Personen. 3. Runde: auch das noch: ein Test. Am Computer. Oder auch plötzlich eingebaut: „Do you mind if we talk in English now?“ – Aber sicher – alles kein Problem. Ach Du meine Güte – wieder aus der Übung gekommen. Der Schweiß rinnt mir herunter – nicht nur weil es eine Außentemperatur von ca. 39 Grad Celsius hat – auch weil diese Frau nicht aufhören will mich „zu interviewen“. Aber ich darf nicht schwitzen. Geht doch nicht, macht man doch nicht. Also so tun als wäre nichts, gar nichts.
„Wir melden uns bei Ihnen.“ Ja- eh klar, wieder warten. Wie die meiste Zeit über. Verdammt jetzt habe ich vergessen zu betonen, wie „heiß begehrt“ ich nicht bin, auch wenn es vielleicht gar nicht der Wahrheit entspricht: „Ja, ich habe aktuell noch einige Bewerbungen laufen. Ja, ich habe noch weitere Gespräche in Aussicht bei anderen Unternehmen.“ – Also beeilen Sie sich gefälligst mit Ihrer Entscheidung – auch ich habe die Wahlmöglichkeit, nicht nur Sie!
„Nein, Du darfst Dich doch jetzt nicht entmutigen lassen, es liegt doch nicht an Dir – es hat ja nichts mit Dir persönlich zu tun. Es gibt einfach zu viele MitbewerberInnen.“
So versuchen die Freunde, Bekannte und Familienangehörige über eine weitere Absage hinwegzutrösten.
„Können Sie mir noch ein Feedback geben, weshalb Sie sich nicht für mich entschieden haben?“ „Es ist einfach so, dass jemand anderer noch ein bisschen besser gepasst hat als Sie. Zu uns. Zum Job. Und überhaupt. Mehr kann ich Ihnen leider nicht  sagen, ich bedaure. Bewerben Sie sich doch wieder bei uns – schauen Sie auf unsere Homepage. Regelmäßig. Immer haben wir neue Stellenausschreibungen. Wir bedanken uns nochmals bei Ihnen und wünschen Ihnen alles Gute.“
Ganz toll: wieder weiß ich nicht auch nur annähernd woran es lag und wieder weiß ich nicht was ich beim nächsten Mal, sofern ich eine Chance bekomme, anders machen könnte; sollte; müsste.
Da spiele ich doch wieder Lotto. Gewinnspiele. Das ist sinnvoller. Denn die Chancen, Freikarten zu gewinnen sind um ein Vielfaches höher als endlich einen Job zu kriegen. Und ich muss mich nicht schon wieder verkaufen, verstellen, verbiegen, verkrümmen, ver…

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Diesen Text schrieb eine Teilnehmerin des Kreativworkshops „Arbeit – Psyche- Leben“ . Die Frustration die Arbeitssuchende oft erdulden müssen, wird sehr spürbar

Vielen herzlichen Dank für’s zur Verfügung stellen!

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